RICHTER-REISEN 2010



Der Steinbruch "Kernmühle" in Neidenfels, seit altersher Heimat vieler schöner Fossilien.


Kleiner Bilder-Rückblick auf eine Muschelkalk-Exkursion

Von Andreas E. Richter.
Alle Fotos inklusive der Fossilfotos entstanden während der Exkursionstage.
Sammlung, wenn nicht anderes angegeben, Andreas E. Richter.
Fotos, wenn nicht anders angegeben, Gabo & Andreas E. Richter.

25 Seiten, 69 Abbildungen.


Am 5. und 6. Juni waren wir unterwegs im Muschelkalk Württembergs.
Wir besuchten zwei große Steinbrüche, deren Begehung schon allerhand
Energie verlangte, auch ohne Sammeln – die zu laufenden Entfernungen bis
zur einen oder anderen oder der dritten Sohle waren Kilometer.

Wir hatten nach einer gerade abgelaufenen regenreichen Zeit wunderschönes Wetter, an beiden Tagen prächtigen Sonnenschein und Temperaturen bis um
30 Grad (was nun allerdings schon wieder eine Idee zu viel war...)

Der Einstieg in Muschelkalk und Keuper erfolgte an der bestgeeigneten
„Lokalität“ überhaupt, nämlich im großartigen „Muschelkalk-Museum“ in
Ingelfingen. Wir hatten das Glück, von Dr. Hans Hagdorn geführt zu werden - nochmals herzlichen Denk! Er gab uns eine allgemeine Einführung und
erläuterte uns schwerpunktartig einige besonders interessante Aspekte.
Gestaltung und Exponate des Museums suchen ihresgleichen. In Kürze
erscheint im LEITFOSSIL.de eine ausführliche Würdigung des Museums.

Die Teilnehmer Bernd Voss und Karl Arnold entdeckten bei der Anreise einen Baustellenaufschluss im oberen Muschelkalk, den wir dann kurz besuchten.
Wir fanden auch einige interessante Fossilien, Synke Ewe z.B. einen Acrodus -Zahn mit reichlich zwei Zentimeter - auch nicht gerade häufig. Ansonsten Hoernesien, andere Muscheln, einige Ceratiten und Diverses.

Danach fuhren wir zu einem großen Steinbruch, der den Hauptmuschelkalk
vom Tonhorizont gamma bis zum Top erschließt, darüber liegen noch rund
zehn Meter Lettenkeuper. Wir hatten das Glück, in frisch gesprengten Schichten des obersten Muschelkalks relativ viele Wirbeltierfossilien sammeln zu können, Knochen, Schuppen und Zähne. Und auf der Halde konnten wir Lettenkeuper-Schichten untersuchen, die ebenfalls interessante Wirbeltier-Reste enthielten.

Die Invertebratenfunde waren nicht sensationell, aber einige schöne Muscheln
und der eine oder andere Ceratit sprangen doch heraus.
Die Sammelbegeisterung litt allerdings doch sehr unter der großen Hitze.

Am Samstagabend erzählte uns nach dem gemeinsamen Essen ein Sammler
aus der Region einiges über die Muschelkalk-Fossilien speziell des am Sonntag besuchten Steinbruches und präsentierte einen kleinen Ausschnitt aus seiner Sammlung. Die liebevoll angeordneten und teils meisterhaft präparierten
Kleinodien (auch wörtlich zu verstehen - er hatte natürlich nur kleinere Stücke mitgebacht) waren eine Augenweide. Wir hatten viel zu staunen!

Der am Sonntag besuchte Steinbruch erschließt ein Profil des Oberen Muschelkalks, vom Trochitenkalk bis zum obersten Muschelkalk, insgesamt
rund 70 Meter. Darüber folgen Grenzbonebed, Lettenkeuper bis zum Hauptsandstein in Normalfazies und schließlich Löss und Terrassenschotter. Grenzbonebed und Keuperschichten sind leider nicht zugänglich, sie stehen
als Top der östlichen Steinbruchwand an.

Ganz unten liegen die rund 1,50 Meter mächtigen Hauptwerkstein-Bänke.
Zwischen diesen Bänken und darüber liegen Tonmergel, Tone oder
geringmächtige Kalkbänke, die sogenannte Tonplattenfazies. Wir konnten
die Schichten des Hauptwerksteins und der Tonplattenfazies kennenlernen
und ihren Fossilinhalt untersuchen, ansonsten im Bereich der überlagernden Schichten der Meißner-Formation sammeln.

Wir fanden vielerlei, von Acrodus- und Hybodus-Zähnen über allerlei Muscheln, Brachiopoden und Ceratiten bis hin zu wenigen Seelilienkronen.
Ganz wunderschön waren die reichlich verfügbaren Trochitenkalk-Platten,
teils riesig groß, glücklicherweise aber auch in transportablen Abmessungen verfügbar.

Wir konnten viel lernen, sehen und und auch sammeln, wobei natürlich jeder
auf eine perfekte Seelilien-Krone gehofft hatte, was leider nicht in Erfüllung ging. Das Sammelergebnis hätte insgesamt besser sein sollen.

Folgen Sie mir zu einem kleinen Fotobummel durch die Exkursionstage!

 


Zuerst ins Muschelkalkmuseum Hagdorn im schönen Ingelfingen

 

Das "Muschelkalkmuseum Hagdorn" in Ingelfingen, optimal untergebracht in der "Inneren Kelter", den auf
dem Bild rechts angeschnittenen Gebäude (links die "Alte Lateinschule"). Wahrzeichen des Museums sind
die Fahne, das ausbrechende Untier und ein großer Placunopsis-Block vor der Treppe.

Dr. Hans Hagdorn im Kreise der Exkursionsteilnehmer, erzählend mit Begeisterung, ausgestattet mit einem enormen Wissen. Foto Walther F. Zenske.

Blick in den unteren der beiden Ausstellungsräume, gewidmet der Trias allgemein, vor allem aber dem Muschelkalk. Die sensationellen Keuperfunde sind im darüberliegenden Stockwerk präsentiert. Prominent
hier unten die beiden Vitrinen mit Modellen von Placodus gigas und Nothosaurus giganteus. Eingeblendet
ein Bild mit Jürgen Viehstädt, der das Gespräch mit einem Pseudosuchier sucht, sich aber nicht ganz sicher
ist, ob das Biest nicht doch beißen wird.

Der Schädel des Nothosaurier-Modells ("Seelöwen des Muschelkalks"). Das eingeblendete Bild zeigt
Knochen und einen Zahn von Nothosauriern.

So viel zu sehen und zu lernen - und zu staunen!

Eine der Vitrinen ist den Ceratiten gewidmet. An der Rückwand die Arbeit von Leopold von BUCH von 1850,
eine der ersten Publikationen über Ceratiten.

Schädel eines Mastodonsaurus giganteus aus dem Lettenkeuper (Untere graue Mergel).

 


Bei der Weiterfahrt besuchten wir eine Baustelle im Muschelkalk

 

Die von Karl Arnold und Bernd Voss entdeckte Baustelle (herzlichen Dank für den Hinweis!) mit großen Aushubhaufen wurde von uns sozusagen im Vorbeifahren untersucht und auch mancher Fund gemacht.
Häufig waren Platten mit Muscheln (eingeblendet eine Platte mit Hoernesia), auch der eine und andere
Ceratit wurde gefunden, auch einige Knochenreste und Zähne.

 


Wir lernen einen Steinbruch im Muschelkalk/Lettenkeuper kennen

 

Wie sind hier auf der oberen Steinbruchsohle, wo die obersten Muschelkalk-Schichten abgebaut werden. Darüber steigt die Wand auf mit dem unteren Lettenkeuper. In den dunklen und braunen Kalken des
Haufwerks treten Wirbeltierreste auf, Knochen wie Rippen und Wirbel, Zähne und Schuppen. Reichlich
finden kann man auch phosphatisierte Koprolithen. Eingeblendet das Foto eines Reptilien-Knochens.

Drei Zähne, der linke und der rechte aus dem obersten Muschelkalk, der mittlere aus dem Keuper (ein Haldenfund): Links ein Hybodus-Zahn (knapp 1 cm; Sammlung Werner Leitgeb), in der Mitte ein Amphibien-
Zahn (knapp 2 cm; Sammlung Werner Leitgeb), vielleicht von Mastodonsaurus, rechts eine Acrodus-Kauplatte
(1 cm; Sammlung A.E.R.).

Wandert man den Steinblock-gesäumten Weg zur Haldendeponie nach oben, dann kann man auch hier
am Weg und dann vor allem oben auf den frischen Deponiehügeln gute Funde machen. Sowohl die
deponierten Muschelkalk- wie auch die Keuper-Gesteine führen interessante Fossilien. Eingeblendet -
und von Jens Ewe sehr vornehm auf dem Tablett serviert! - zwei Hybodus-Flossenstachel aus dem Lettenkeuper. Da steckt noch Arbeit drin, aber die lohnt sich!

Links ein Nothosaurier-Wirbel aus dem Muschelkalk, noch im Gestein (Länge des Wirbelkörpers 2,3 cm; Sammlung A.E.R.). Rechts zwei von Synke Ewe auf den Keuper-Deponien gefundene Wirbel.

Auf der mittleren Sohl bestehen derzeit nur schlechte Sammelmöglichkeiten. Deshalb wandern wir nach
links unten, zum (auf dem Bild nicht sichtbaren) See (Füße ins Wasser zur Erfrischung!). Richard Fuchs
zeigt einen aufgebrochenen Germanonautilus mit schönen Kalkspat-Kristallen.

Ein unten am See ganz frisch gefundener Ceratit - wie wird er nach
der Präparation aussehen? Durchmesser ca. 11,5 cm. Sammlung A.E.R.

Links eine doppelklappige Muschel der Art Plagiostoma striatum, gesammelt an der Böschung der Abfahrt
zum See. Maximal 5,8 cm. Sammlung A.E.R. Rechts eine kleine Stufe mit drei Hoernesien. Länge der Muschel
in der Mitte 3,8 cm. Sammlung A.E.R.

Platte mit einigen Muscheln verschiedener Arten, zentral eine Plagiostoma striatum. Sammlung Jens Ewe.

 


In Crailsheim wohnen wir im "Bayerischen Hof" bzw. im "Schwarzen Bock" und verbringen einen schönen und diskussionsreichen
gemeinsamen Abend.

 

Großartiges Essen - Platten mit viererlei Fleisch, allerlei Gemüse, dreierlei Beilagen von Bratkartoffeln bis Spätzle. Alles schmeckt! Ein Kompliment dem Koch im Bayerischen Hof!

Gute Stimmung, interessante und/oder laute Gespräche.

Werner Leitgeb erzählt über den Kernmühlen-Steinbruch, über Schichtfolge und Fossilien, und er
präsentiert einige Stücke aus seiner Sammlung. Auf dem Bild rechts oben zeigt er einen Placodus-Zahn.
Links unten gibt es ein Privat-Kolloquium für unseren Richard. Rechts unten eine vom zehnjährigen
Lucas Hüttl so nebenbei gemachte Zeichnung eines Sauropoden (nicht Muschelkalk).

Die zwei Kartons mit Leitgebs Schätzen. Links unten zwei Bewunderer, recht unten eine Brachiopoden-Ontogenie - Exemplare (vermutlich) einer einzigen Art von winzig bis ausgewachsen (Bildbreite ca. 6 cm). Sammlung Leitgeb.

Eine Platte mit schichtbedeckenden Schlangensternen der Art Aspidurella scutellata. Sammlung Leitgeb.

Links und rechts oben: Zwei schöne wenn auch relativ kleine Ceratiten; Besonderheit: Der Ceratit links oben zeigt Lobendrängung, war also fast ausgewachsen (ca. 7,5 cm). Der Ceratit rechts misst etwa 5 cm. Links unten: Das Gehäuse eines jugendlichen Germanonautilus bidorsatus (ca. 5 cm). Rechts unten: Ein Seestern der Art Trichasteropsis weissmanni; Seesterne sind extrem selten (ca. 6,5 cm). Alle Stücke Sammlung Leitgeb.

Ein Winzling, eine ganz jung verstorbene Seelilie, komplett erhalten mit Haftscheibe, Stiel und Krone.
Solche Stücke sind wesentlich seltener als große prachtvolle Kronen wie die unten gezeigte. Ca. 2,2 cm.
Sammlung Leitgeb.

Große geöffnete Krone von Encrinus liliiformis, mit schön sichtbaren Pinnulae-Fahnen. Die leichte
Violettfärbung ist auf Reste eines Biofarbstoffes zurückzuführen. Ca. 8 cm. Sammlung Leitgeb.

 


Am Sonntag besuchten wir den Steinbruch "Kernmühle" in Neidenfels

 

Der Eingang zum Muschelkalk-Paradies: Ein wuchtiger Trochitenkalk-Block, darüber das aus dem gleichen
Stein herausgearbeitete Firmenlogo des Betreibers.

An der Klagemauer: Wir suchen in der Tonplattenfazies nach Zähnen und Knochen, Muscheln, Ceratiten
usw. Günstig die Pfützen - gut nutzbar zum Abwaschen verschmutzter Plattenoberflächen.

Eifrig dabei, immer aktiv, unser jüngster Teilnehmer Jonas Schäfer - gerade mal (demnächst) 8 Jahre alt.
Wir müssen ihn hegen und pflegen wie auch Lucas - der Nachwuchs ist (auch) bei den Fossiliensammler rar.

Richard, was machst Du denn da? Schaut man genauer hin, dann erkennt man, dass er gerade einen
riesigen Block abgemeißelt hat. Was da wohl drauf sitzt? Ob sich die Arbeit gelohnt hat?

Lucas Hüttl, mit 10 Jahren der zweitjüngste, zeigt einen feinen Ceratiten.

Diverse gerade gefundene Fossilien. Links oben ein Fischzahn der Gattung Birgeria (0,5 cm); rechts oben
ein Nothosaurier-Zahn mit noch gesteinsbedeckter Spitze (ca. 1 cm); links unten und Mitte Acrodus-Zähne
(0,7 und 0,4 cm); rechts unten eine Platte mit Schnecken der Gattung Omphaloptycha (Bildbreite 2,2 cm). Sammlung A.E.R.

Werner Leitgeb erläutert die verschiedenen im aktiven Abbau stehenden Bruchbereiche. Das untere Bild zeigt den bisherigen Werkstein-Abbau zur Gewinnung von Trochitenkalk.

Optimale Sammelmöglichkeiten in der Tonplatten-Fazies bietet auch diese Wegböschung. Eingeblendet
links eine Muschel der Art Pleuronectites laevigatus (leider ohne Farbstreifung...; maximal 6,5 cm;
Sammlung A.E.R.). Rechts eine kleine Stufe mit einem Ceratiten und einer Muschel der Art Hoernesia
socialis
(Sammlung Erich Stein).

Die Ostwand des Steinbruchs. Man erkennt im Top die leicht nach Süden einfallenden Schichten des Lettenkeupers und die Löss/Terassenschotter-Deckschichten.

Ein besonders interessantes Stück aus der Tonplattenfazies ist dieser Ceratit mit Lobenlinien-Verdoppelung,
einem Erhaltungsphänomen, das meines Wissens nur aus dem Muschelkalk bekannt ist. In Kürze
erscheint darüber ein Artikel im LEITFOSSIL.de. Durchmesser ca. 8 cm. Sammlung A.E.R.

Blockwerk mit Trochitenkalk-Brocken und -Platten, ungeeignet für die Werkstein-Verarbeitung und deshalb
auf Halde geworfen. Die Schichtflächen zeigen Millionen von Stielgliedern; man konnten kleine und
größere Belege problemlos sammeln, natürlich auch Material für Schnitt und Schliff. Auch hier wurden
einige Seelilien-Kronen gefunden.

Oberfläche einer Trochitenkalk-Platte. Oben eingeblendet ein Stielglied mit Myzostomiden-Befall;
Länge ca. 1 cm. Sammlung Erich Stein. Das unten eingeblendete Bild zeigt eine Seelilien-Haftscheibe.
Maximal 2,8 cm. Sammlung A.E.R.

Der proximale (kelchnahe) Stiel eines Encrinus, leider nicht zu bergen, weil er weit weg vom Rand auf einem riesigen Block saß. Länge des Stielfragments ca. 8 cm.

Unsere letzte Abbildung zeigt ein geologisches Phänomen: Stylolithen, Drucklösungssuturen, die in diesem
Stein gleich in mehreren Stockwerken übereinander auftreten. Bildbreite ca. 40 Zentimeter. Über die
Stylolithen erscheint demnächst ein Beitrag im LEITFOSSIL.de.


Nochmals herzlichen Dank an alle Teilnehmer für ihre freundliche, aktive und interessierte Art, Dr. Hagdorn
für die optimale Museums-Führung und an Werner Leitgeb für die Einführung, die Präsentation seiner Sammlungsstücke und die Betreuung im Steinbruch.

 


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